Stumm stand er seinem Spiegelbild gegenüber. Frisch rasiert schaute er gleich 5 Jahre jünger aus. Mindestens. Er strich sich mit seinen Fingern durch das noch nasse Haar. Viel ist nicht mehr übrig geblieben von seiner ehemals wallenden Haarpracht. Und das obwohl er erst Anfang 40 war. Nicht dass er eine Glatze hätte, Gott bewahre, aber er musste schon ein wenig mehr Aufwand in seine Frisur stecken als früher. Damals, in seinen wilden Zwanzigern. Er war niemals ein Adonis gewesen, aber er hatte seine Erfolge in der Damenwelt gefeiert und konnte an guten Tagen noch immer punkten. Er war charmant, was seine leicht unterdurchschnittliche Körpergröße ausglich. Sein Gesicht war von einer rauen Männlichkeit. Viele Frauen mochten diese Maskulinität, die er sich bald ganz bewusst zum Markenzeichen machte. Er trainierte regelmäßig mit Hanteln, um das Beste aus seiner gedrungenen Figur zu machen. In seiner Glanzzeit war er wie ein kleiner Bulle gewesen. Und er achtete stets penibel darauf dass über seinen überdurchschnittlich großen Penis gesprochen wurde. In der Schule veräppelten ihn seine Mitschüler als sein Gehänge dem restlichen Körper davonwuchs. Sie nannten ihn „Zwerghengst“ und „Bonsai mit Boa“. Die Hänseleien hörten schnell auf auf, nachdem er durch die unfreiwillige PR enormen Zuspruch seiner weiblichen Mitschülerinnen erhielt. Bis heute bewahrte er sich diese Strategie. Auf Betriebsausflügen war er stets derjenige, der die Hotelsauna ins Spiel brachte. Im Schwimmbad trug er möglichst enge Badehosen. „Segen und Fluch,“ dachte er etwas melancholisch an sein überdimensioniertes Geschlechtsteil, das mittlerweile auf Grund seiner Dimension Hilfsmittel brauchte um in voller Pracht zu erstrahlen. Der Arzt hatte ihm versichert dass dies bei Männern seines Kalibers ganz normal wäre und hatte ihm zu unterstützenden Medikamenten geraten, für sein Selbstbewusstsein war das allerdings ein herber Nackenschlag gewesen.

Während er an seiner Frisur arbeitete, überlegte er, welche Strategie er heute anwenden sollte. Vor dem ersten Date war er immer ein wenig angespannt. Nicht direkt nervös, dafür war er zu routiniert. Das Internet machte die Sache einfacher. Oder schwieriger, ganz wie man es betrachtete. Seit längerem schon hatte er es zu Gunsten einer Dating App aufgegeben, Frauen wahllos in Lokalen anzusprechen. Natürlich konnte man in den Apps der Wahrheit ein wenig mehr Attraktivität verleihen. Nur konnte das das Gegenüber auch. In der Lokalvariante weiß man ob eine Frau tatsächlich attraktiv ist, bevor man sie anspricht. Ganz einfach weil man sie in Natura sieht. Die „attraktive und sportliche Endzwanzigerin“ im Internet kann durchaus ihre zu große Nase und ihre Fettpölsterchen durch geschickte Fotografien ins rechte Licht setzen, die dann in der echten Welt aber durchaus zum Vorschein kommen. Genau so wie er natürlich nicht angibt nur 168 groß zu sein, was er aber in der echten Welt eben war. Ein Pluspunkt der App aber war es, dass man sich die Abfuhr beim Anbahnen des Dates nicht in der echten Welt holte. Ein klassisches Erste Welt Problem. Wobei er bei den Abfuhren eher der schmerzbefreite Typ war. Jahrelange Erfahrung hatte ihn abgehärtet. Aber auch in der App-Variante war er mittlerweile durchaus ein Veteran der wusste, dass er zum Beispiel beim Date in der echten Welt seine Größe zum Beispiel kaschieren konnte, indem er einfach vor der vereinbarten Zeit im Sitzen warten konnte, um so den ersten Eindruck ein wenig zu kaschieren. Saß die Zielperson erst bei ihm am Tisch, konnte er seinen Charme spielen lassen. So würde er es auch heute machen. 15 Minuten vorher da sein und sitzend auf die Dame warten. Wobei er sich sicher war, dass das heutige Date den Aufwand wohl nicht wert sein würde. Den Fotos am Profil nach wäre sie als Modell durchgegangen. Warum aber sollte sie sich dann über Blind Dates ans große Glück durchkämpfen? Viel wahrscheinlicher war es, dass sie falsche Fotos von sich online stellte. Eines seiner Dates, das ebenfalls den Erwartungen weit hinterherhinkte, behauptete doch glatt mal, dass die Fotos ihrer Schwester, die darauf zu sehen war, eigentlich auch als ihre durchgehen sollten. Schließlich war die bedeutend hübschere der beiden Schwestern ja aus dem gleichen Genpool entstanden. Seine Antwort, dass „eigentlich“ das Wort der Verlierer sei und ihre Antwort nur beweisen würde, dass sie nicht nur die hässlichere sondern wohl auch die duschgeknallte Schwester sei, beendete die Verabredung genauso schnell wie ihm in diesem Fall lieb war.

Er unterteilte die Frauenwelt prinzipiell in drei Typen. Typ 1 waren die wenig Attraktiven, die er immer haben konnte, auch wenn sie jünger waren. Typ 2 waren attraktive Frauen mit psychischem Makel, bevorzugt einem Vaterkomplex. Diese Frauen waren nicht verrückt, nur ein klein wenig labil. Das ließ sich natürlich sehr gut ausnützen wenn man wusste welchen Button man triggern musste. Manchmal genügte ein Kompliment, manchmal waren diese Frauen auf der Suche nach einem wohlhabenden Gönner, einem Beschützer und Gentleman. Was ihm bei diesen Frauen entgegenkam war das, was er das Extrawurst Paradoxon nannte. Die meisten Männer hatten nicht das Selbstvertrauen sich um diese Schönheiten zu bemühen. Wäre die Partnersuche ein Jausenteller, so war Typ 1 immer schnell vergriffen. Genau wie Extrawurst. Keiner traute sich als erster in den teuren Rohschinken zu greifen, weshalb dieser am Ende des Abends oft auf der kalten Platte übrig blieb, während die billige Schnittwurst oft genug komplett vergriffen war. Dieses Aufrissverhalten wiederum verstärkte den Komplex von Typ 2, die nun noch unsicherer wurden und somit zur leichten Beute von mutigen Männern denen es egal war was andere dachten wenn Sie die teuerste Wurst tonnenweise auf den Teller luden. Typ 3 waren die Unerreichbaren. Die Prinzessinnen. Es genügte nicht charmant und gutaussehend zu sein. Man brauchte auch dieses gewisse Extra. Etwas Interessantes. Ihm fehlte die Schönheit, somit brauchte er gar nicht daran zu denken eine Prinzessin abzuschleppen wenn nicht alles schieflief.

Diesmal klappte es nicht. Seine Strategie, als erster da zu sein um so seine Größe quasi unter den Tisch zu kehren, ging im Stau unter. Kurz hoffte er, sie wäre eine von denen, die zu spät auftauchten und er würde doch noch die Pole Position einnehmen können. Vergebens. Er erkannte sie sofort. Was für eine Schönheit. Die langen, roten Haare fielen ihr über die schmalen Schultern, die unter den Trägern herausschauten. Sie hatte ein sinnliches Gesicht, ein einladendes Dekolleté und als Sie aufstand um ihn zu begrüßen konnte er ihre langen Beine bewundern. Die zarten Finger passten zum schlanken Hals. Der Druck fiel von ihm ab. Nicht nur, dass sie schön war, sie war so schön, dass er sich gar keine Hoffnung machen brauchte bei ihr zu landen, so groß könnte ihr Komplex auch in der besten aller Welten gar nicht sein. Frauen wie diese spielten nicht in seiner Liga. Auf eigenartige Weise erleichtert setzte er sich und bestellte ein Glas Wein.

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