„Eine Marienerscheinung? So etwas Blödsinniges habe ich ja noch nie gehört!“ Hermann nahm den letzten Schluck aus seinem Bierglas. „Pscht… nicht so laut, ich bitte dich,“ ermahnte ihn Alfred errötend. Er bereute es schon, seinem Kollegen von dem Brief erzählt zu haben. Aber irgendwem musste er es schließlich sagen. „Ich sag’s dir, der will dich verarschen,“ insistierte Hermann, diesmal etwas leiser aber noch immer mit diesem blöden Grinsen im Gesicht. „Das habe ich mir auch schon gedacht,“ gab Hermann zu. „Aber was soll ich machen? Ich kann ihm ja nicht sagen er soll sich verrollen und jemand anderen traktieren.“ Alfred nahm die Zigaretten aus der Tasche seines karierten Sakkos. Sofort kam die Kellnerin mit dem Aschenbecher. Das war der Vorteil wenn man der Pfarrer im Dorf war, die Sache mit der Nichtraucherregelung wurde nicht so streng genommen. Auch wenn die Gemeinde am Stadtrand eigentlich schon zum Stadtgebiet zählte, zählte der Pfarrer hier noch was. Wobei diese Sondergenehmigung auch für den Stadtteilvorsteher, den Sepp vom Hotel und den Heinz aus der Bank galt. Eigentlich für jeden, außer für die gestriegelten Jugendlichen die ab und an das Wirtshaus besuchten bevor sie am Wochenende Richtung Stadtzentrum fuhren. „Noch ein Bier für die beiden Hochwürden?“ Ohne die Antwort abzuwarten drehte sie kokett ab und machte sich auf den Weg Richtung Zapfhahn. Einen Moment lang schaute ihr Alfred hinterher. Dieser Hintern würde ihm schon gefallen. Dieses junge Ding würde sich aber wohl kaum mit einem mittelalterlichen Mann wie ihm abgeben. Gelübde hin, Hintern her. Bevor er sich dem Glauben verschrieben hatte, war er kein Kostverächter gewesen. Das heißt, die Kost verachtete er noch immer nicht, nur konnte er sie mittlerweile nur noch geistig genießen. Wenn er abends in seinem Bett lag, dachte er gerne an seine Schulzeit zurück. Die wilden 70er, das waren noch Zeiten. Im Gegensatz dazu waren die Schüler, denen er im Religionsunterricht die Sache mit dem Herrgott näherbringen wollte, ziemlich arme Würstchen. Statt der Rebellion hatten sie sich für Smartphones, Fönfrisur und YouTube entschieden. Sogar für einen Seelenhirten war dieses aalglatte der Jugend von heute ab und an zuviel.
„Wo will er sie denn überhaupt wieder gesehen haben, die Jungfrau?“ Hermanns Stimme holte ihn aus seinem Sekundentraum zurück. „Im Wald. Kurz vor man zum Moor kommt ist sie ihm erschienen.“ Die Kellnerin kam wieder zurück an den Tisch. Die Konturen ihrer Bluse ließen die Fülle ihres Busens erahnen als sie die zwei Gläser geräuschvoll auf den Tisch stellte. Wer ganz genau hinsah, konnte sogar die Nippel durch BH und Bluse blitzen sehen. Alfred mühte sich nicht zu genau hinzusehen. Vergebene Liebesmüh´. Zumindest konnte er aus den Augenwinkeln erkennen, dass sein Gegenüber ebenfalls seine Augen nicht in Zaum halten konnte. Ja, der Hermann, das war kein Kostverächter. Sie kannten sich seit über 20 Jahren. Einmal waren sie gemeinsam auf Urlaub gefahren. Ibiza, quasi das Sodom der Moderne. Sie hatten sich eine Woche lang als Bankangestellte ausgegeben. Alfred hatte seine Bedenken ob dieses Mummenschanzes, Hermann beruhigte ihn aber. So lange Bankangestellte sich im Fasching als Pfaffen verkleiden konnten, sollte es einem Geistlichen doch wohl auch vergönnt sein sich als Bänker zu geben. Es war eine tolle Zeit gewesen. Sie hatten zuviel getrunken, waren in den falschen Lokalen gewesen und hatten sich mit den falschen Menschen abgegeben, zumindest wenn man es aus den Augen eines Pfarrers betrachtete und nicht aus der Sicht des Bankangestellten.
„Ja und hat sie denn auch was gesagt oder ist sie ihm nur erschienen?“ Pfarrer Hermann schien geradezu eine diabolische Freude daran zu haben sich in das Thema zu vertiefen. „Nicht direkt gesagt. Er meinte, die Jungfrau habe nicht sprechen müssen um ihm was mitzuteilen. Sie sei quasi direkt in seinem Kopf gewesen. Deswegen habe er auch gewusst dass es die Muttergottes ist. Und dass er sich ganz friedlich, behaglich und behütet vorgekommen sei. Wie früher in der Werkstatt von seinem Opa wo er immer gespielt hat als Kind.“ Alfred nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette bevor er sie ausdämpfte. „Was mach ich denn jetzt mit dem Trottel?“ „Was ist denn das überhaupt für einer,“ fragte Hermann. „Eben, das ist es ja. Der hat mit der Kirche ja gar nichts am Hut. In der Sprechstunde seines Sohnes schwafelt er immer von Laizismus, der Trennung von Kirche und Staat und unzulässiger Indoktrination der Kinder über den Umweg des Religionsunterricht. Mich wundert dass der überhaupt weiß, wer die Jungfrau Maria ist.“
Als Hochwürden Alfons einige Bier später leicht betrunken zurück Richtung Pfarrheim spazierte, war er keinen Deut schlauer als vorher. Er würde den Unruhestifter wohl oder übel einladen müssen um sich die Geschichte der Marienerscheinung anzuhören. Dabei würde der ihm wahrscheinlich irgendeinen Blödsinn erzählen, dass es zwischen Nationalsozialismus, der Liebe zu einem Fußballverein und der römisch katholischen Kirche keinen Unterschied gibt, der Mensch in allen drei Fällen nur das Gemeinschaftsgefühl sucht. Die Unterhaltung mit Hermann hatte ihm die Last nicht wie erhofft von den Schultern nehmen können. Sein Standeskollege hingegen hatte sich von Glas zu Glas mehr amüsiert. Seit über 25 Jahren war er nun Pfarrer, aber sowas war ihm noch nie passiert. Dass seine Schäflein ihm manchmal auf die Nerven gingen, naja, der Herr wird es ihm nachsehen, er kennt sie ja schließlich auch. Wie aber sollte er mit dieser Eselei umgehen? Ignorieren konnte er das ganze leider auf gar keinen Fall. Jeden Sonntag vom Herrgott, Gottes Sohn samt Auferstehung, der Jungfrau und den Heiligen zu reden und dann, wenn endlich jemand sie sah, nicht in helle Begeisterung auszubrechen, das wäre Wasser predigen und Wein trinken auf höchstem Niveau. Sollte er das ganze dem Vatikan melden? Irgendwer musste dort Erfahrung in derlei Dingen haben. Anscheinend gab es in Rom sogar eine Abteilung für Exorzismus. Was war die Muttergottes die ein Wirrkopf im Wald sah schon im Vergleich mit dem Teufel?
Zu allem Überfluss musste er jetzt auch noch austreten. Immer das gleiche. Nach 6 Halben schaffte er es nie ohne Zwischenstopp durch das kurze Waldstück bis nach Hause. Im Winter, wenn es kalt war, ärgerte er sich immer besonders darüber. Er stellte sich an einen Baum und öffnete seine Hose. Unweigerlich musste er an die Kellnerin denken und schämte sich sofort. „Herr im Himmel, hilf mir. Du hast mir das Dürfen genommen, du solltest mir auch das Wollen nehmen. Oder zumindest das Können.“ Gerade als das Bier anfing, in einem dicken Strahl seinen Körper zu verlassen, sah er ein Leuchten an der Kante der Waldlichtung. In seinem Kopf fühlte er eine behagliche Wärme.

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