Die Weihe, die den Menschen um Übermenschen veredelt, passiert an den ungewöhnlichsten Orten. Während des Ereignisses, das wohl mein restliches Dasein vereinnahmen wird, sitze ich in der Schule meines Sohnes beim Eröffnungselternabend der 4. Klasse. Hier, wo das Lernen junger Menschen startet, sollte also auch meine Reise losgehen. Ob meine 186 cm Körpergröße eingezwängt zwischen Kindersessel und Kindertisch bei meiner Erleuchtung eine Rolle spielte, wie alle großen Propheten sie in besonders unbequemen Situationen hatten, das mir an diesem denkwürdigen Abend zuteil werden sollte? Den Elternabend mit Jesus´ 40tägiger Wüsten-0-Diät oder Siddharthas wochenlangem Meditieren unter einer Schlange zu vergleichen ist sicherlich verwegen, man muss mir aber zu Gute halten, dass die Zeiten einfach schnelllebiger sind als zu Zeiten meiner Vorgänger. Wahrscheinlich reichen für das, was früher 40 Tage brauchte, im Jahr 2017 einfach 40 Minuten. Wie ich also so dasitze in tiefster Konzentration versunken, schleudert mir der Lehrer meines Sohnes DAS Wort entgegen, dessen Faszination wohl die Grenzen menschlichen Bewusstseins zu sprengen im Stande ist: „… und der zweite Punkt der Tagesordnung ist die Wahl Klassenelternvertreters und Klassenelternvertreterstellvertreters…“

Wie ein Blitz schießt mir das Wort durch die Synapsen. Klassenelternvertreterstellvertreter. Auf dem Handout, das ausgeteilt wurde um uns durchs Programm zu führen, steht nur: „Wahl der Klassenelternvertreter.“ Schnell ergänze ich DAS Wort um den „Stellvertreter“ um es mir vom Phonetischen ins Visuelle zu übersetzen. Ich bin nämlich weniger der Audiotyp als viel mehr der Leser. Ich finde Gelesenes bleibt generell wesentlich besser im Kopf als Gehörtes. Doppelt so gut, mindestens. Vom selber schreiben will ich gar nicht erst anfangen. Schon zu meiner eigenen Schulzeit die Weisheit meiner Mama schlechthin war ja nicht umsonst „1 x geschrieben ist 10 x gelesen.“ Meiner Meinung nach kann man das in etwa so ergänzen: 1 x Schreiben = 10 x Lesen =20 x Hören. DAS Wort also einfach nur 1 x zu Hören wäre wohl nicht genug gewesen um mich in Trance zu versetzen, aber DAS Wort 1 x zu schreiben und dann zu lesen ist ja wie 20 x hören. Ungefähr, mathematisch nachweisen lässt sich sowas ja schlecht. Also alles eher so eine Gefühlsache. Könnte man natürlich testen indem man sich DAS Wort Klassenelternvertreterstellvertreter 20 x laut vorsagt, aufnimmt und dann anhört. Geht dann sicher auch Richtung Trance. Ein Mantra das seinesgleichen sucht. Jetzt aber steht es da, ganz klar, deutlich und in aller Schönheit. Ich bin entzückt, entrückt, gefesselt und fasziniert.

Klassenelternvertreterstellvertreter

Meine Aufregung vergeblich zügelnd drehe ich mich zu den Müttern in der Reihe hinter mir um. Leider teilt man meine Euphorie nicht. Die Nummer der Banausen, die wahre Größe und Bedeutung historischer Ereignisse nicht erkennen ist soeben um 2 erhöht worden.

Währenddessen geht die Wahl unspektakulär vor sich. Wäre das Event ans Wort angepasst, würden wohl Wahlkampfreden feurigen Anstrichs folgen. Die Kandidaten würden uns Eltern hohle Versprechen machen was sie für uns tun werden als Klassenelternvertreter und Klassenelternvertreterstellvertreter. Prosecco und Bier am Freitag nach der Schule für alle Eltern oder Lernkreise um die Kinder auf die Schularbeiten vorzubereiten und uns leidgeplagte Erzieher ein wenig zu entlasten. Nichts von alledem folgt. Lediglich zwei Kandidaten sind es, die sich für die ehrenvolle Aufgabe aufstellen lassen. Streng nach Vorschrift werden die beiden Damen geweiht. Wir haben einen Klassenelternvertreter und einen Klassenelternvertreterstellvertreter! Was bleibt ist ein schales Gefühl der Ernüchterung meinerseits. Ich habe nun zwar den Vertreter und den Vertreter des Vertreters, weiß aber gar nicht so recht was dessen Aufgabe sein soll. Wie soll ich mich dieser Person anvertrauen können? Womit genau kann ich in dunkler Stunde, wenn alles sinnlos erscheint, zu ihr gehen? Welche Kompetenzen hat dieser soeben Kraft des Lehrers erschaffene Posten? Fragen schwirren wild in meinem Kopf herum. Die Quintessenz aber können diese Fragen nicht auslöschen. DAS Wort ist noch da und überschattet alle Zweifel und Unklarheiten die dieser Abend aufgeworfen hat. Klassenelternvertreterstellvertreter. Der Lehrer scheint davon nichts zu bemerken und geht eiskalt zum nächsten Punkt der Tagesordnung über: 3.) Stoffüberblick der 4. Klassen.

Dieses Wort aber verdient mehr. Es verdient Anerkennung. Es verdient jemanden, der sich dafür einsetzt dass es eben genau das bekommt was es verdient. Glanz und Gloria. Ich blicke mich um im Raum. Den teilnahmslosen Gesichtern der anderen Eltern nach zu urteilen kann das nur ich sein. Während von Zahlenräumen bis 1 Million, Lesestunden und anderen Nichtigkeiten im Schatten des Wortes, meines Wortes, die Rede ist, spinne ich die Gedanken weiter. Die Möglichkeiten sind unermesslich. Wir haben nicht nur einen Klassenelternvertreterstellvertreter, wir haben dank weiblichen Engagements für die gute Sache und ausgeklügeltem Gendering eine Klassenelternvertreterstellvertreterin. 38 Buchstaben. Das unterkühlt abgehaltene Ereignis dessen Zeuge wir gerade wurden war somit eine Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahl. 45 Buchstaben. Wären mehrere Kandidaten angetreten und eine Stichwahl nötig geworden um Vertreterin der Herrin über die Agenden der Klasseneltern im Verhältnis zu den Lehrern, dann hätten wir wohl Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahlen gehabt. 47 Buchstaben. Die Gewinnerin des Events wäre die Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahlsiegerin. 55 Buchstaben. Noch besser aber die unterlegene Kandidatin. Sie wäre die Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahlverliererin. Monströse 56 Buchstaben. Ich erinnere mich zurück an die Geschichte der Hottentottenstottertrottelmutterattentäterlattengitterwetterkotterbeutelrattenfangsprämie die in meiner Kindheit Scharen Heranwachsender zu Lachstürmen verführte. 89 Buchstaben. Ich bin mir sicher, würde ich das Spiel an die Spitze treiben, könnte mein Wort auch ein so gigantisches Ausmaß erreichen. Angefangen mit dem Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahlsiegerinnenportrait, das in der Klasse hängen sollte und 64 Buchstaben in die Waagschale werfen kann über bis hin zum Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahlsiegerinfacebookaccount, der es bereits auf stolze 68 Letter bringt, ist ab nun die Unendlichkeit des Universums wohl nicht das letzte Phänomen das es zu ergründen gilt.

Anstatt mich aber im Rausch zu vertiefen, kehre ich zurück an den Ursprung. Mir ist schwindlig und heiß. So muss es wohl Albert Einstein bei der Entdeckung der Relativitätstheorie ergangen sein. Ich besinne mich auf das Wesentliche. Nicht Quantität soll entscheiden. Natürlich, jeder halbwegs klar bei Verstand seiende Mensch könnte aus dem Klassenelternvertreterstellvertreter mehr machen. Aus dem Stegreif fallen mir Dinge ein wie: „Mein Sohn ist der Freund der Klassenelternvertreterstellvertreterinnenwahlsiegerintochter. Die beiden spielen immer gemeinsam.“ Es ist nicht die rohe Länge des Wortes, es ist die Schönheit und Eleganz die darin liegt. 36 Buchstaben. Davon 11 Vokale. Und von den 11 Vokalen 10 e´s. Fischers Fritz wird grün vor Neid und fängt an zu stinken wie sein im Glanz des Klassenelternvertreterstellvertreters vergammelnder Fang. Klassenelternvertreterstellvertreter ist wohl das Äquivalent zur Zahl Pi, der diskordianischen 23 und dem Goldenen Schnitt.

Lange liege ich in dieser Nacht noch wach und lasse meine Gedanken um den Klassenelternvertreterstellvertreter kreisen. Jeder Mensch hat seine Aufgabe im Leben, das wird mir nun klar. Manch einer beschäftigt sich mit dem Profanen, einem anderen wird der Kopf vom Rätsel um das Leben nach dem Tode schwer. Dankbar drehe ich mich auf die Seite und kuschle mich in meine wohlig-warme Bettdecke. So wie das Schicksal Sisyphos den Stein gab, so teilte es mir den Klassenelternvertreterstellvertreter zu. Ich bin bereit!

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