„Das ist doch paradox!“, dachte Dr. Greber, als er auf der Suche nach einem romantischen Wochenendurlaub gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin auf ein Hotel stieß, das im Ort Unterberg die Adresse Oberberg 1 hatte. Lächelnd sah er sich die Website des Hotels an. Es war genau das was er suchte. Ein kleines Haus, ruhig gelegen ohne jeden Schnickschnack. So hatte er es Doris versprochen. Zeit nur für sie beide alleine, nachdem er sie in den letzten Monaten schändlichst vernachlässigt hatte. Auch wenn sie nur eine rein körperliche Beziehung vereinbart hatten, ein klein wenig mehr war da schon mittlerweile, auch wenn sie ihren sonderbaren Mann wohl nie für ihn verlassen würde. Aber das Projekt an dem er arbeitete, hatte ihre Beziehung beinahe in die Knie gezwungen. Rund um die Uhr war er im Labor, was zur Folge hatte dass Doris´ Bedürfnisse stark zurückblieben. „In welchem Hotel sitzen zum Teufel nochmal derart schöne Menschen versammelt in der Sauna!“ Belustigt und etwas erregt zugleich griff er in die Schale mit Cashewnüssen, die stets auf seinem Schreibtisch stand, während er mit dem Mauszeiger über den Bildschirm fuhr. Etwas Hirnfutter konnte nicht schaden, wenn einem der Vorgesetzte Tag und Nacht im Nacken saß, weil die gewünschten Resultate der Forschungen sich nicht einstellen wollten. Erste Ergebnisse waren überfällig. Die Wissenschaft war ein hartes Pflaster geworden. Als er jung war, konnte man sich Zeit lassen, aber heute war es die Industrie die den Universitäten Druck machte. Gerne dachte er an die gute, alte Zeit zurück, als man in der Alma Mater noch stundenlang über eine Zeitung gebeugt Kaffee trinken konnte und der Titel eines Herrn Doktor noch etwas wert war. Mittlerweile schafften ihm junge Burschen, die es gerade mal durchs BWL und IWW Studium geschafft hatten, an, was er wann in welcher Zeit zu tun hatte. Diese geschniegelten Affen, die sich mit teuren Anzügen in nutzlosen Meetings wichtig machten. Allein schon das Fach Internationale Wirtschaftswissenschaften war ein Witz. Was hatten Wirtschaft und Wissenschaft miteinander gemein? Forschung war von einer elitären und noblen Disziplin zu einem weiteren verdorbenen und gewinnorientierten Produktionsfaktor geworden. „Die Chinesen müssen wir in Schach halten, die Amerikaner und Japaner sind uns ohnehin schon weit voraus,“ wie sein Vorgesetzter stets zu sagen pflegte. Was er mit den Chinesen zu schaffen hatte, war ihm nie ganz klar gewesen. Als Kosmopolit fühlte er sich für das Wohl aller Menschen zuständig. Seiner Meinung nach sollte es sowas wie den hippokratischen Eid der Ärzte auch für Wissenschaftler geben. Zum Wohle aller Menschen, sowas in der Richtung. Eine Art Internationale der Wissenschaften. Vielleicht hatte dieser Irre, der in einem Leserbrief in seiner Toilettenlektüre „Science International“ der Wissenschaft vorgeworfen hatte die Erde zu zerstören anstatt sie weiterzuentwickeln, ja gar nicht so unrecht. Andererseits waren die Leserbriefe nicht etwas, das man ernst nehmen sollte. Letztens machte ein Schreiber auf seine These aufmerksam, Deutschland wäre die unlebenswerteste Region der Erde, da hier der Neandertaler am längsten überlebte, was nur deshalb sein könnte weil der Homo Sapiens Deutschland als letzten Landstrich Europas erobern wollte. Verärgert wie immer, wenn er über dieses Thema nachdachte, griff er nochmals in die Schüssel mit den Nüssen. „Im Normalfall haben Saunabesucher in kleinen Landhotels eher Körper in der Form von Cashews, keine Modelmaße,“ murmelte er vor sich hin. Genau in diesem Moment fiel ihm eine der gekrümmten Nüsse aus der Hand. Er sah ihr nach wie sie von der Schreibtischkante auf die Sessellehne fiel, bevor sie in 3 Stücke zersplitterte. Jahre später sollte er während einer Pressekonferenz in Zürich diesen Moment als die längste Sekunde seines Lebens beschreiben. Ungläubig starrte er auf die drei Cashewstücke. „Es ist die Beschleunigung, nicht die Geschwindigkeit,“ schoss ein Gedanke durch sein Gehirn. „Elektronen sind nichts als Quanten, die von einer Position in der Raumzeit zur nächsten springen, allerdings breiten sie sich nicht wellenförmig sondern in Bananenkreisen aus.“ Seit Monaten probierte er nun, Teilchen mit Lichtgeschwindigkeit zu beschießen um eine möglichst große Energiemenge aus dem Protonenkern zu entziehen, dabei war es genau umgekehrt. Wie konnte man sich nur so irren. Ihm wurde schwarz vor Augen. Das würde alles ändern. „Ich darf das nicht vergessen,“ war der letzte Gedanke bevor er ohnmächtig wurde.

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